Auf den Spuren der letzten Nomaden

Ein Wanderabenteuer bei den Sami in Lappland

Endlich in Lappland angekommen! Dabei geht’s jetzt erst richtig los. Denn wir wandern von Hütte zu Hütte … Das erste Mal laufen wir mit voll gepacktem Wanderrucksack nur 2,7 Kilometer zu unserem Übernachtungsquartier – und brauchen eine ganze Stunde. Sofort trennt sich die Spreu vom Wanderer. Mein Jüngster geht federnden Schrittes, scheinbar mühelos und ohne das Gewicht des Rucksackes zu beklagen (nur zur kleinen Gedächtnisstütze: er ist derjenige, der beim Test zu Hause zusammenbrach und wie ein Krabbelkäfer auf dem Rücken lag). Jetzt wandert er immer 200 Meter vor und wartet dann gefühlte zehn Minuten auf uns.

Meine Tochter, unsere Hündin und ich laufen im Mittelfeld. Ich gehe nie besonders schnell, dafür sehr ausdauernd und ohne Pausen. Meine Große läuft eigentlich flott, hat aber überraschend Probleme mit dem Gewicht ihres Rucksackes. Auch unsere Hündin Frekka muss ihr Gepäck selbst tragen: Wasser, Fressen, Schietbeutel, Napf, Pfotenbalsam, Regenmantel und Handtuch. Wir haben ihr dafür ein Geschirr mit Packtaschen besorgt, sie scheint sogar stolz darauf zu sein. Tatsächlich ist es weniger das Gewicht, das uns entlastet, als das Volumen. Frekka liebt es zu wandern, ich habe sie mit einer Schleppleine an meinem Beckengurt befestigt, da in den Nationalparks überall Leinenpflicht gilt.
Den krönenden Abschluss bildet mein Mann, mit unserem mittleren Sohn. Keine zwei Minuten nach Start schmeißt unser Lütter mit wutrotem Gesicht seinen Wanderrucksack von sich und pöbelt: „Papa, der Beckengurt ist nicht richtig eingestellt. So kann ich überhaupt nicht laufen!“ Geduldig zieht mein Mann noch mal alle Riemen nach, dann setzen sie ihre Wanderung mit großem Abstand fort.

Keine weiteren drei Minuten später, hält unser Sohn schon wieder an, setzt sich auf einen Stein, stöhnt und prustet: „Papa, mir ist heiß, ich brauche sofort eine Trinkpause!“ Nicht mehr ganz so geduldig, reicht mein Mann ihm die Trinkflasche, nimmt ihm den Wanderrucksack ab und zieht ihm seine Jacke aus. Nur im T-Shirt, die Trinkflasche beim Gehen in der Hand, läuft unser Kleiner weiter. Das funktioniert ganz prima und ich freue mich, dass es jetzt klappt.

Fünf Minuten später höre ich meinen Sohn plötzlich laut Heulen: „Die Mücken! Die bösen, bösen Mücken haben mich gestochen. Nicht nur einmal, Papa guck, ich bin total zerstochen (es sind zwei Stiche). So kann ich nicht laufen. Ich drehe um. Ich habe überhaupt keinen Bock mehr. So ein blöder Mist.“ Nun höre ich meinen Mann völlig ohne Geduld und deutlich lauter als normal sagen: „Nein, wir können nicht umdrehen. Wir übernachten heute in der Wanderhütte und haben keine andere Unterkunft. Außerdem sind wir überhaupt noch nicht losgelaufen. Wie wäre es, wenn du deine Energie statt ins Rumjammern mal in deine Beine steckst? Ich gebe dir jetzt das Antimückenspray und dann läufst du eine halbe Stunde am Stück, ohne dass du einen Ton von dir gibst. Danach gibt es meinetwegen zur Belohnung auch etwas zu Essen.“
Von vorne kommt mir mein Jüngster strahlend im Hopserlauf entgegen (Es ist mir ein Rätsel, wie er mit dem Rucksack hüpfen kann): „Mama, ich habe schon unsere Hütte gesehen, es ist gar nicht mehr weit!“ Mein Mann brummt von hinten: „Das war es nie!“

In Alta treffe ich die Sami Inga Laila und spreche mit ihr in einer Siida (traditionelle soziale und wirtschaftliche Organisationseinheit der Sami, die aus mehreren Familien besteht.) Sie zeigt mir ihr Kunsthandwerk und sagt: „Meine Mutter kümmert sich eigentlich darum. Ich bin hauptsächlich mit der Organisation beschäftigt, wir haben ein Restaurant, bieten Schlittenfahrten an, Rentierfütterungen und Seminare. Außerdem habe ich drei Kinder, meine Tochter ist zehn Jahre alt, mein Sohn sieben und mein Baby anderthalb, ein Mädchen. Wir haben ein Haus auf der anderen Seite des Flusses, leben also nicht mehr in einem traditionellen Lavvu (Samizelt).“

Ich bemerke, dass ich es unerwartet heiß finde (wir haben heute 25 Grad), ob das öfter mal vorkomme. Inga Laila antwortet: „Das ist jetzt das zweite Jahr in Folge, dass es so schrecklich heiß ist. Ich denke, dass es mit dem Klimawandel zusammenhängt. Zwei Jahundertsommer in Folge sind nicht natürlich.“
Inga Lailas Kinder toben um uns herum und ich frage sie, ob sie Ferien haben und ob die Hauptsaison im Sommer oder im Winter sei. Sie lacht: „Ja, sie haben Schulferien, aber ich kann nicht mit ihnen in den Urlaub fahren, weil so viel zu tun ist. Im Sommer ist sehr viel los, deshalb muss ich auch arbeiten. Ihre Tante ist heute mit ihnen hierher gekommen. Aber es ist so warm, da muss man auch nicht in den Urlaub fahren. Im Winter gibt es zunehmend mehr Touristen. Wir hoffen, dass das diesen Winter auch wieder so sein wird.“

Ich frage sie, ob die Kälte und die Dunkelheit im Winter nicht hart seien. Sie antwortet: „Die Kälte ist nicht hart, wir sind es gewohnt damit zu leben, aber die Dunkelheit schon. Die Sonne scheint Ende November das letzte Mal und dann verschwindet sie ganz bis Ende Januar. Das sind zwei Monate ohne Sonne … Am Nordkap dauert es noch länger, waren sie dort? Hat es Ihnen gefallen? Ich bin noch nie da gewesen …“

Ich erzähle ihr, dass wir am nördlichsten Punkt Europas waren und ich es spannend fand! Aber dass es mir zu karg sei, weil es kaum Pflanzen und Bäume gäbe. Ich mag es lieber, wenn – so wie hier in Alta – Bäumen, Wiesen und Blumen wachsen. Außerdem sei es mir zu kalt gewesen und wir konnten nicht baden. Vorher waren wir in den knapp zwei Wochen jeden Tag schwimmen. Verwunderlich fand ich, dass so viele Deutsche am Nordkap waren.

Inga Laila lacht: „Ja, es fahren wirklich sehr viele Deutsche dorthin. Aber das Wasser ist hier genauso kalt. Wo seid ihr vorher gewesen?“
Ich berichte, dass wir durch Schweden, Finnland und Jokkmok gefahren sind. Dass dort im Winter der größte Kunsthandwerkermarkt der Sami weltweit stattfindet und frage sie, ob sie schon mal dort gewesen ist. Sie antwortet: „Nein, ich bin noch nie dort gewesen. Unser Kunsthandwerk ist aus Rentierfell. Wir nähen daraus Taschen. Auch die Kinder helfen. Meine große Tochter liebt das. Aber wir machen das eigentlich im Winter.“

Ich frage, welche Sprachen ihre Kinder sprechen. Inga Laila sagt: „Sie wachsen dreisprachig auf: Samisch, Norwegisch und Englisch. Ich finde, je mehr Sprachen Kinder sprechen, desto einfacher wird es (lacht). Aber das war nicht immer so, früher war es verboten, die samische Sprache zu sprechen, ein düsteres Kapitel.“
Ich frage sie, wann die schönste Jahreszeit sei. Inga Laila antwortet:Wenn wir die Rentiere im Frühling in die Berge bringen. Aber wir wandern nicht mehr mit ihnen dorthin, wir bringen sie mit dem Quad, sonst wären wir zu langsam. Dann leben die Rentiere den Sommer über allein in den Bergen. Sie sind weit verstreut, wir können gar nicht zu ihnen gelangen. Mein Bruder ist gerade dort.“ Sie schaut wehmütig in Richtung der schneebedeckten Berge …

Als wir unsere Wanderhütte erreichen sind wir euphorisch! Die Kinder rennen über Sommerwiesen, ernten Moltebeeren, am Horizont türmen sich Berge, wir baden im Fluss, die riesige Hütte mit Ofen und Panoramablick gehört uns ganz allein. Sie ist top ausgerüstet mit Spielen, Feuerholz, Geschirr und Hundebox. In den Wanderhütten sind Hunde verboten, aber es gibt immer sehr geräumige Metallkäfige, mit Hundebetten, in denen sich Frekka wohl fühlt. Sie macht das toll. Wir kochen lecker, spielen lange, waschen Haare, schlafen tief. Am Morgen freuen wir uns schon auf unsere nächste Wanderung. Es geht steil bergauf, 500 Höhenmeter zum ersten permanenten Polarlicht-Observatorium der Welt. Es wurde 1899 auf dem Berg Haldde bei Alta errichtet. Obwohl es nur neun Kilometer sind, dauert die Wanderung fünf Stunden. Die Aussicht belohnt: Panoramablick vom Gipfel. Wieder eine tolle Wanderunterkunft und keiner da. Bergab am nächsten Tag geht es aber leider kaum schneller.

Wir steigern uns und wandern nun drei Tage am Stück. Ich starte guter Dinge. Es geht leicht bergauf, durch grünen Wald, mit Sommerblumen, an einem plätschernden Bach entlang, genau mein Geläuf. Das Wetter spielt mit sonnigen 16 Grad und leichtem Wind mit. Leider endet meine Euphorie bereits nach anderthalb Stunden, weil es plötzlich brutal bergauf geht. Okay, Zähne zusammenbeißen und weiter, es dauert ja nicht lange. Nachdem ich das Gefühl habe, die Hälfte sei geschafft, geht es plötzlich noch steiler eine Geröllwüste bergauf. Jetzt ist meine gute Laune dahin. Ich habe zwei Kilo Äpfel mitgeschleppt, die ich zwar beim ersten Stopp verfüttert habe, aber dadurch hängt mein Rucksack schief und zerrt an meiner Schulter. Anhalten kann ich nicht, meine Hündin scheint orientierungslos vor lauter Gestein und erkennt keinen Weg.

Ich stapfe weiter den Berg hoch, eeeeeendlich sind wir oben, geschafft! Aber wo ist die Hütte? „Tut mir leid, aber das war erst die Hälfte der Wanderung“, verkündet mein Mann gut gelaunt. Wut kocht in mir hoch, er hat die Tour geplant, wir sind alle mit schweren Wanderrücksäcken bepackt und dies ist definitiv keine Tour für Anfänger! Um uns herum befinden sich Schneefelder, wir laufen jetzt hochalpin, der Wind ist fies, die Temperatur auf sieben Grad gesunken. Wir wandern eine weitere Stunde, keine Hütte in Sicht. Wir gehen noch eine Stunde, immer noch keine Hütte. Dies ist eine Tour für Freaks! Und überhaupt, was für eine verkümmerte Seele muss man haben, damit man Gefallen an dieser Steinwüste findet? Ich bin jetzt richtig in Rage, wir sind so gut wie geschieden – da endlich die Hütte! Am fernen Horizont, in Mitten einer Rentierherde gelegen. Und was für eine Hütte: ganz neu, mit Panoramafenstern bis zum Boden, Sesseln, Sauna, hoch oben über einem See thronend. Wow, das hat mein Mann aber toll hinbekommen! Alles andere ist sofort vergessen …

Der innere Dialog zwischen meinem Kopf und meinem Körper läuft jetzt täglich so ab:
Kopf: „Aufstehen, wir gehen laufen!“ Körper: Keine Antwort, stellt sich tot. Kopf: „Ich lasse nicht zu, dass du jetzt schon mit dem Sterben beginnst, also steh auf, Wandern tut dir gut!“ Körper: „Nö, ich streike.“ Irgendwann setzt sich der Kopf dann doch immer durch.
Beim Gehen:
Kopf: „Boah, ich kann nicht mehr.“ Körper: „Mir egal, ich bin im Flow.“ Kopf: „Aber wir machen seit Stunden immer das Gleiche, ich kann wirklich nicht mehr.“ Körper: „Tja, das hättest du dir früher überlegen müssen. Lass mich einfach die Arbeit machen.“ Kopf (zehn gefühlte Zusammenbrüche später): „Jetzt reicht es doch aber wirklich? Du kommst mir vor, wie so ein lustiges Duracellhäschen. Körper (würdevoll): „Ich laufe, also bin ich.“ Kopf: „Ich springe jetzt zur Abwechslung in den kühlen Bergsee. Ahhhh, herrlich! Ich mache endlich mal was anderes.“
Ich (abends glücklich und erschöpft in meinem Bett): „Träumt was Schönes Kopf und Körper!“
Bis morgen früh …

Weitere Einsichten in die Lebensweise der Sami erscheinen in meinem Sachbuch „Last nomads“ sowie in meinem Jugendroman „Melody“ 2026.

Auf den Spuren der letzten Nomaden

Ein Sommer voller Natur und Kultur bei den Sami

Eigentlich wollte ich diesen Sommer hoch oben am Polarkreis bei den Sami verbringen. Ich habe bereits vor drei Jahren im Winter über die letzten Nomaden Europas recherchiert und persönliche Nachforschungen zu dessen Lebensweise im Sommer fehlen mir noch. Außerdem spielt mein Jungendroman, an dem ich aktuell arbeite in Lappland, so dass ich gleich zwei Mücken mit einer Klappe erschlagen könnte …

Doch die Sami sind tüchtige Geschäftsleute und lassen sich nur für Geld begleiten – seeeeehr viel Geld! Ich vermute, dass sie im Winter den ganzen touristischen Rummel, wie Rentierfütterungen, Huskyschlitten fahren, Schneeschuhwanderungen oder Verköstigungen in einem Lávvu (traditionelles samischen Zelt, in dem um ein Feuer herum das samische Spezialgericht Suovas serviert wird, geräuchertes Rentierfleisch das über offenem Feuer gebraten und auf Gáhkku-Brot mit einem Schuss Preiselbeermarmelade serviert wird) oder das Beobachten der Guovssahasah (so nennen die Sami das Polarlicht, was so viel bedeutet wie „die Sonne glüht morgens oder abends am Himmel“) nur über sich ergehen lassen können, weil sie vom Sommer träumen …

Bereits ein paar Tage vor Abreise haben wir tatsächlich schon alle unsere Wanderrucksäcke gepackt! Das finde ich mega und bin entsprechend stolz auf uns. Doch meine Freude währt nicht lange: Mein Jüngster hebt seinen Rucksack an und lässt ihn sofort wieder stöhnend fallen. „Kollege Seeteufel … “ – ich gucke mich irritiert um, meint er mich? – „ … den bekomme ich nicht auf den Rücken!“ Er schaut mich verzweifelt an.

Ich versuche zu trösten: „Pass auf, ich hebe ihn an, du setzt ihn auf, wenn du dann Brust- und Beckengurt schließt, wird er leichter.“ Er ächzt, als die Schnallen zu sind, lässt sich rückwärts auf den Teppich fallen und bleibt dort wie ein Käfer auf dem Rücken liegen. „Mama, da ist noch nicht mal Essen drin, wir müssen alle verhungern!“ Jetzt jammert er lautstark und ich werde nervös. „Da gewöhnst du dich noch dran. Am Anfang ist es immer am Schwersten.“

Ich verschweige, dass der Rucksack mit der Zeit nur deshalb leichter wird, weil man meist unterwegs feststellt, nicht alles zu brauchen und dann den Ballast für andere Wanderer zurücklässt. Doch die Ausrüstung meines Lütten ist neu, sein ganzer Stolz und gewiss wird es ihn nicht aufmuntern, wenn er davon unterwegs etwas zurücklassen soll …
Er guckt mich mit großen runden Augen an und sagt: „Nein Mama! Das ist so schwer wie mein Ranzen mit allen Büchern und Turnbeutel außen dran. Daran gewöhne ich mich nie! Und schon gar nicht schaffe ich es, damit stundenlang zu wandern.“ Er sieht sehr gewiss aus. Puh, um dieses Problem muss ich mich irgendwie später kümmern. Ich hoffe inständig, dass mir rechtzeitig eine Lösung einfällt.

Im Sommer sind die Sami frei! Sie begleiten ihre Herden im Norden hoch in die Berge, in ein straßenloses Land, fernab von Städten, Zivilisation, Wasser und Strom, in dem nicht mal Handys funktionieren. Nur der Hubschrauber fliegt Touristen in kleinen Gruppen an diese Plätze … Und leider kostet dieser Spaß für lediglich drei Tage für uns fünf rund 25.000 Euro! Unser Hund darf gar nicht mit … Ich muss also einen anderen Weg finden und deshalb wandern wir!

Die Sami unterteilen das Jahr nicht wie wir in vier, sondern in acht Jahreszeiten. Der Wechsel zwischen 30 Grad im Sommer und minus 40 Grad im Winter erfolgt schnell, ebenso zwischen niemals untergehender Sommersonne sowie Dunkelheit für mehrere Monate. Pflanzen, Tiere und Menschen passen sich entsprechend an.

Es gibt nicht nur den Winter (Dálvvie), wenn alles unter Schnee und Eis liegt, der längste Abschnitt, von Dezember bis März. Sondern ihm folgt der Spätwinter oder Frühlingswinter (Gïjredálvvie), im März und April, wenn die Tage wieder länger werden, die Jahreszeit des Erwachens. Im Frühling (Gïjre), April oder Mai, je nachdem wann die Schneeschmelze beginnt, verlassen die Rentiere ihre Winterweiden und ziehen hinaus auf die Sommerweiden. Im Mai werden die Kälber dort geboren. Der Frühsommer (Gïjregiessie), im Juni, ist die Jahreszeit des Wachstums und der hellen Nächte. Der Sommer (Giessie), im Julie, wenn alles in Vollendung lacht, ist kurz. Bereits im August findet mit dem Spätsommer (Tjakttjagiessie), der Übergang zum Herbst statt, es ist die Zeit der Ernte von Beeren, Pilzen und Kräutern. Im Herbst (Tjakttja), im September und Oktober, ziehen die Rentiere zu ihren Winterweiden. Der Spätherbst oder Herbstwinter (Tjakttjadálvvie) im November bildet den Übergang zum Winter.

Okay, ich sehe ein, ohne Abstriche wird’s nichts! Allein die Fahrt hoch nach Lappland dauert mehrere Tage, also gönne ich den Kindern – und mir – gleich zu Beginn einen Tag in Astrid Lindgrens Welt in Smaland.
Wir wohnen in einem winzigen schwedenrot gestrichenen Bootshaus, ohne fließend Wasser und Strom. Das Wasser schöpfen wir aus einem riesigen See mit mehreren kleinen Insel, in dem es sich schwimmen, vom Steg springen und am Ufer picknicken lässt. Die Akkus unserer Handys sind leer und in so heiterer Schwedenstimmung machen wir uns auf, den Freizeitpark zu erobern. Eigentlich hatte ich mir etwas wie Disney Land vorgestellt, nur eben mit Pippi statt mit Mickey Mouse … Doch da habe ich mich grundlegend getäuscht! Es gibt nicht ein einziges Fahrgeschäft!

Dafür gibt es in Astrid Lindgrens Welt jede Menge Musicals: Ronja Räubertochter, Michel aus Lönneberga, Karlsson vom Dach und natürlich – Pippi Langstrumpf. Und diese Aufführungen sind richtig gut! Es wird getanzt, gesungen, die Kinderdarsteller sind mit Freude und Eifer bei der Sache, alle haben richtig Spaß. Ich habe fast alles von Astrid Lindgren gelesen, nicht nur die gängigen Bücher, sondern auch Kalle Blomquist und ihre Kriegstagebücher, viele Filme gesehen, aber hier werden ihre Bücher noch mal ganz anders lebendig.

Ich will wissen, wo Astrid Lindgren ihre Sommer verbrachte und an ihren Büchern gearbeitet hat, also fahren wir auf die Schären bei Stockholm nach Furusund. Ich kann kaum glauben, dass wir in Schweden sind: Sonne, das Meer voller Badegäste, vergnügtes Kreischen, türkisblaues Wasser und: Hitze!
Ich träume davon einmal auf Saltkrokan zu schwimmen, also nehmen wir ein über 100 Jahre altes Dampfschiff wie im Film, dass uns nach Svartlöga bringt. Die Dampfkessel können besichtig werden und der Heizerin beim Schippen der Kohle über die Schulter geguckt. Wir durchqueren Svartlöga in einer halben Stunde zu Fuß durch Wald – Autos, Straßen, Elektrizität, Zäune und Reklame gibt es auf der gesamten Insel nicht. Dafür ein Bilderbuchdorf, mit einem Haus schöner als das andere, rund 100 Jahre alt, wir können uns nicht satt sehen.
Am Meer stehen kleine Boots- und Fischerhäuser, ein Steg lockt ins Wasser, wir springen hinein und lassen uns anschließend von der Sonne und dem Wind trocknen. Die Möwen kreischen, die Wellen schwappen gegen das Holz – herrlich, Ferien auf Saltkrokan!

Doch unsere Fahrt geht weiter, hoch in den Norden! Nach Lulea ist es die Längste unserer Reise, zwei Stunden entfernt findet sich Jokkmok, ein kulturelles Zentrum der Sami. Im Winter findet dort der größte Kunsthandwerker Markt der Sami weltweit statt und es gibt ein tolles Museum. Die Sami blicken auf eine rund 10.000 Jahre alte Kultur zurück. 75.000 Sami gibt es in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland noch. Ursprünglich lebten sie vom Fischen und Jagen, die Rentierzucht kam erst im 17. Jahrhundert dazu. Früher zogen sie über weite Strecken mit ihren Herden mit und lebten als Nomaden in Zelten. Heute sind sie sesshaft, haben Internet, Smartphone und Schneemobil. Ihr ursprünglicher Glaube berufts sich auf die Natur, als deren integralen Bestandteil sie sich sehen. Im 18. Jahrhundert begann die evangelische Kirche, die Sami zu missionieren. Heute haben die Sami eigene Flaggen. Samisch ist die Sprache der Ureinwohner.

Erzählung

Löwentränen

METALLICA: „Nothing Else Matters“ (1991), Black.

**** LIEBESLEBEN
Eine neue Liebe ward geboren,
sie küsst sich lange und spaziert am Strand.
Sie picknickt
bei Sonnenuntergang am Meer.
Sie entdeckt die Welt
neu.
Sie liebt
leidenschaftlich, ergeben, innig,
stürmisch, unersättlich, sich verlierend.
Sie entwickelt sich
symbiotisch zur Religion, zur Gottheit.
Sie scheint
unbesiegbar, unerschütterlich, allumfassend.
Sie schwört
den Bund fürs Leben.
Sie schafft
ein gemeinsames Universum.
Sie zeugt
eine neue Liebe.
Sie wächst heran
zur großen, alles verschlingenden,
auszehrenden, ewig währenden Liebe.
Sie fliegt
auf ihrem Höhepunkt.
Sie lacht, sie feiert, sie liebt, sie gluckst
vor Freude.
Sie gebärt aus Überschwang
weitere Lieben,
will kein Ende finden.
Sie zittert,
sie wankt.
Sie klagt an,
sie zweifelt, sie bricht, sie stürzt.
Sie will noch einmal so lieben, nur einmal,
um jeden Preis.
Sie erlischt,
Stille, ist sie gestorben?
Findet sie
eine neue Liebe?
Das Leben verband sie für immer,
unmöglich, es auszutricksen
und mit einer neuen Liebe
von vorn zu leben!
Eine neue Liebe
kann für immer lieben.
Aber eine neue Liebe
kann nicht von Neuem beginnen zu leben.
Das Leben lebt
immer weiter.
Die Liebe liebt
immer weiter.

Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 50 f.

Foto: Lykka KÜHNE (2024).

**** VERLOREN
Verloren, sehe ich mein winziges Baby
dort in einer sterilen Plastikwanne liegen,
mit Löchern in der Außenwand,
aus denen hygienische Latex-Handschuhe baumeln,
falls ich sein Körperchen anfassen möchte;
verloren, ohne den tröstenden, vertrauten, beruhigenden
Herzschlag seiner Mutter;
verloren, ohne die Geborgenheit spendende Wärme;
verloren, ohne einen nicht enden wollenden Nahrungsstrom;
verloren, ohne den haltgebenden sanften Druck;
verloren, das Mama-Paradies.


Verloren, der Bruder,
der mit seinen kleinen Füßchen Tritte in den Po verpasst,
sein viel schwächerer und schnellerer Herzschlag
als der seiner Mutter;
verloren, das Einssein, Unzertrennbarsein und Ganzsein mit ihm;
verloren, unendliche Sicherheit und Geborgenheit,
für immer.


Verloren, an Schläuchen, Elektroden und Kabeln,
bewegungsunfähig;
verloren, unter einer Atemmaske,
auf Nase und Mund gepresst,
mit einem strammen Gummiband
um das Köpfchen befestigt;
verloren, im grellen, gleißenden, blendenden
Licht der Neonröhren,
die Augen zusammengekniffen;
verloren, im ständigen Piepen lebensrettender Maschinen,
begleitet von herbeieilenden hastigen Schritten;
verloren, vom folgenden, markerschütternden Brüllen,
bis die Stimme versagt,
oder Wimmern und dem dumpfen Aufschlag
eines erschlaffenden Körpers
oder verzweifeltem hemmungslosen Schluchzen,
bis es bricht, erstickt, erstirbt, erlischt;
verloren, im kalten medizinischen,
lebensrettenden Fortschritt.


Verloren, sieht sie vor ihrem inneren Auge
ihre alten Patienten
in Gefängnissen aus Gitterbetten liegen,
verschrumpelt und verwelkt wie ein Blatt;
verloren, mit knisternden porösen Knochen,
schwerhörig, mit trübem Blick,
gefangen in einer Blase
ohne Gerüche, Geschmäcker, Bilder, Gefühle oder Geräusche,
unfähig, die Umgebung wahrzunehmen, aufzunehmen,
sich mit ihr auszutauschen;
verloren, die Lungen schwerfällig und röchelnd füllend,
Sinnlosigkeit mit jedem Atemzug aufnehmend;
verloren, in Urin und Kot liegend,
sich windend, dahinsiechend;
verloren in lebensverlängernder Medizin.


Verloren, ohne die tröstende mütterliche Brust;
verloren, ohne den zärtlichen Blick ihrer Kinder
auf ihnen ruhend;
verloren, ohne die Arme ihrer Enkel,
sie umschlingend, haltend, wiegend, schaukelnd,
Sicherheit, Geborgenheit gebend und Trost spendend;
verloren, ohne den Klang der vertrauten Stimme
ihrer großen Liebe,
beruhigend, liebkosend;
verloren, ohne Mutter, Partner, Kinder, Enkel und Urenkel.


Verloren, in Gefängnissen der Seele,
in Panikattacken und Angstschweiß gebadet;
verloren, ihres Schmuckes beraubt, ihrer Würde,
ihrer Hoffnungen und Träume, ihres Glaubens,
den Teufel in jeder schwarzen Nacht und jeder dunklen Ecke
lauernd wähnend, den Sensenmann auch,
sich bestraft fühlend, die Qualen ahnend,
die Hitze des Fegefeuers erwartend,
gepeinigt, gedemütigt, erschöpft, aufgebend;
verloren, jede Menschlichkeit
in den Verwahranstalten unserer Mütter und Väter,
unserer Omas und Opas,
unserer Großtanten und Großonkel.


Verloren wie am Anfang,
so am Ende.

Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 102 ff.

Cover: BoD (2024).

//// BABY
Sie will so gern noch ein Baby/
sie träumt von winzigen Fingerchen und Füßchen/
in dem Augenblick/ in dem es geboren ist/
wünscht sie es sich von ganzem Herzen/
sieht sie es bereits/ liebt sie es bereits/
ich nicht/ damit stirbt unsere Liebe/
damit stirbt es/ ich töte es/
sieben sind es noch/ sieben prächtige/
sieben Paar winzige Fingerchen und Füßchen/
der Schmerz/ unendlich/ zerstörerisch/
aber wir haben doch eins?/
wieso das nicht einfach lieben?/
wieso noch eins wollen?/ sehnen …/ wünschen …/
wenn das doch so viel ist/ manchmal sogar zu viel ist/
ich verstehe dich nicht/ du lebst das doch gar nicht/
sei doch zufrieden/ mit dem, was du hast/
du hast so viel/ wir haben so viel/
mehr als viele andere/
manchmal sogar mehr als alle anderen/
manchmal sogar viel zu viel …

Anke KÜHNE: „Löwentränen“ (2024), S. 87 f.

Bild: Bjarne KÜHNE: „Mamaherz“ (2019).

Bild: Fiete KÜHNE: „Herzmama“ (2019).

Mein Leben als Schriftstellerin

„Fiete Anders“

Neulich fand ich beim Aufräumen mein altes Abibuch. Meine damals beste Freundin schrieb darin als Wunsch an mich: „Bis bald als Schriftstellerin im Leuchtturm auf dem Deich!“ Ich erinnerte mich plötzlich wieder, wie ich als 17-jährige mit ihr gemeinsam in jeder freien Minute Bücher verschlang, wir Geschichten schrieben und sie uns gegenseitig vorlasen und dabei davon träumten, Schriftstellerinnen zu werden. Wir wollten als Schäferinnen zusammen in einem Leuchtturm wohnen. Meine Freundin las mir aus „Fiete Anders“ vor, in dem ein rot-weiß geringeltes Schaf die Hauptrolle spielt. Sie wünschte sich ein Lamm, das sie Fiete nennen würde.

Es war unser Teenagertraum! Mir laufen Tränen über die Wangen. Warum? Ich hadere so oft damit nervige Bewerbungen an Verlage schreiben zu müssen, quäle mich tagelang mit Korrekturfahnen, bin enttäuscht, wenn ein aufwendiges Recherchethema platzt, wütend, wenn eine Lesung vor Ort abgesagt wird, traurig, wenn ich am Wochenende und im Urlaub arbeiten muss, stecke voller Selbstzweifel in den Tagen bevor ein Buch von mir veröffentlicht wird, ärgere mich über mangelnde Wertschätzung meiner Kunst und vergesse dabei vollkommen, dass ich den Traum des 17-jährigen Mädchens LEBE!

Ich bin tatsächlich Schriftstellerin geworden! Hätte ich das damals meinem 17-jährigen ICH erzählt, hätte es Freudensprünge gemacht, wäre ausgeflippt vor Glück, hätte eine tiefe Dankbarkeit empfunden. Und nicht nur das, ich habe auch ein Baby namens „Fiete“ bekommen! „Was im Leben kann man sich denn mehr wünschen?“, fragt mich das 17-jährige Mädchen strahlend und lachend.

Sie hat Recht! Ich verspreche ihr, mich immer daran zu erinnern, falls ich mal wieder hadere. Also, lasst Euch nicht unterkriegen bei der Verwirklichung Eurer Träume. Und träumt, die wildesten Träume! Wer weiß, vielleicht wird der eine oder andere, der Euch jetzt noch total verrückt erscheint ja wahr? Und dreht Euch zwischendurch mal um und schaut über Eure Schulter, welche Träume sich schon verwirklicht haben, was Ihr alles schon erreicht und geschafft habt! Herzlich, Anke

Frankfurter Buchmesse

#fbm24 is read!ng:
„Löwentränen“ ist dabei!

„Meet the Author“: Trefft mich und meine Neuerscheinung „Löwentränen“ vom 16. bis 20. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse, in Halle 1.2 an Stand H52!

I’m so exciting!!! Und auch meine ganze Familie ist schon mega im Frankfurter Buchmessenfieber! Für mich ist es das größte Event dieses Jahres. Ich war noch nie mit einem Buch von mir dort vertreten und habe schon als Kind davon geträumt …

Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass mein Traum mal wahr wird! Da ist zum Beispiel die „Frankfurt Kids“. Während ich noch vor wenigen Jahren meinen eigenen drei Rackern täglich abends über eine Stunde vorlas, lesen sie inzwischen mir vor …  So zieht etwa meine zwölfjährige Tochter an ein bis zwei Abenden Bücher mit mehreren hundert Seiten weg und ich bin echt dankbar, dass ich mich nicht durch Katzenkriege kämpfen muss! Vielleicht finden wir Alternativen auf der diesjährigen „Frankfurt Kids“?

Mein achtjähriger Sohn schafft inzwischen auch schon Bücher mit über hundert Seiten und hat das letzte „Bitte nicht öffnen – knautschig“ sofort als es rauskam, alleine von seinem Taschengeld gekauft! Er freut sich auf die Kostüme der Lesefans. Sein Zwillingsbruder lernt gerade von Theodor Fontane „Herr Ribbeck von Ribbeck“ für die Schule auswendig, indem er sich das Gedicht als Rapp auf Spotify vorsingen lässt. Er hofft auf noch mehr Nützliches für die Schule …

Ab Mittwoch, den 16. Oktober 2024 sind in Frankfurt tausende Verlage, Autoren, Buchhändler und Künstler aus etwa 100 Ländern zu Gast. Auch einige Promis sind angekündigt, wie Paul Maar, Hape Kerkeling, Elke Heidenreich, Heinz Strunk, Charlotte Link, Sandra Hüller, Otto Walkes, Thomas Gottschalk, Katja Riemann und Thomas Hitzelsperger.

Italien ist dieses Jahr Ehrengast. Ich dachte dabei spontan an Reiseführer über die hügelige Toskana, Kochbücher zum cremigsten Eis der Welt und Fachbücher über hervorragende Winzer und ihre Weine … Doch damit lag ich falsch! In Rom ist die rechteste Regierung der Nachkriegszeit an der Macht: Das hat Konsequenzen, auch für die Literaturszene. Mit einem offenen Brief haben sich rund 40 Schriftsteller auch an den Frankfurter Buchmessen-Direktor gewandt. Die Verfasser urteilen hart über den „Störfall Roberto Saviano“. Der Ausschluss des weltbekannten, von der Mafia verfolgten Schriftstellers aus der offiziellen Buchmessendelegation Italiens, hatte Ende Mai zu einem Eklat geführt. Was in ihrem Heimatland geschehe, schreiben die Autoren in ihrem offenen Brief, sei „innerhalb Europas inakzeptabel und mit einer gesunden Demokratie nicht zu vereinbaren“.

Ich bin sehr gespannt, was mich noch alles erwartet …?!

Erzählung

Löwentränen

Akofa und Amari, zwei afrikanische Geschwister, werden gemeinsam adoptiert und wachsen in Schweden auf. Als junge Erwachsene versucht sich Akofa in Stockholm als Journalistin. Als sie ihrer großen Liebe Freja begegnet und die beiden Frauen heiraten, scheint Akofas Glück perfekt. Doch Schreibblockaden bereiten ihr zunehmend Probleme. Als Freja, nach mehreren Versuchen mit künstlicher Befruchtung, immer wieder Fehlgeburten erleidet, gerät Akofas Leben aus den Fugen. Sie reist zusammen mit Freja nach Ghana und sucht dort nach ihren Wurzeln. Ein überraschendes Ereignis lenkt Akofas Leben in neue Bahnen …

„Löwentränen“ ist eine vielschichtige Erzählung über Liebe und Verletzlichkeiten.

https://buchshop.bod.de/loewentraenen-anke-kuehne-9783758348068

https://www.amazon.sg/L%C3%B6wentr%C3%A4nen-Erz%C3%A4hlung-Anke-K%C3%BChne/dp/3758348064

https://www.heimathafenhotels.de/

https://www.cafe-luise-baeckerei.de/

https://www.physiotherapie-fuhlsbuettel.de/

https://www.pierreetvacances.com/de-de/fp_REL_apartment-residenz-les-restanques-du-golfe-de-st-tropez

https://orthosport.de/index.php

https://www.dentimedicum.de/

Kindermund tut Wahrheit kund…

… und „demokratiert“!

Foto: https://media.tag24.de

Hamburg steht auf, so heißt die Demonstration gegen Rechtsextremismus und neonazistische Netzwerke und für Demokratie. Es wird Zeit, sich gegen die gefährlichen Schreihälse zu behaupten, denn sie finden immer mehr Anhänger! Also müssen wir dagegen demonstrieren. Mein Kinder wollen aber erst mal nicht. Nun ist auch gerade Winter und das Wetter lädt nicht zum draußen verweilen ein, aber wir treffen uns ja auch nicht zum Picknick, sondern um ein wichtiges Anliegen kund zu tun. Meine Freundin sagt: „Das ist die erste Bürgerpflicht!“

DEMO GEGEN RECHTS IST ERSTE BÜRGERPFLICHT

Meine Bande jammert dagegen: „Och nö, Mama, nicht schon wieder die Schneehose anziehen.“ Und: „Ich habe keinen Bock, den langen Weg zu Fuß zu marschieren. Meine Tochter: „Diggi, so ’ne Demo ist doch gefährlich…“

HAMBURG STEHT AUF!

https://www.fcstpauli.com

Ich staune! Ich denke daran, dass ich als Kind häufig und gern demonstrieren war. Hat sich da was bei den Kindern heute geädert? Das erste Mal durfte ich in der fünften Klasse auf eine Demo gehen. Es war ein hartes Stück Arbeit, bis ich meine Mutter so weit hatte. Die Demo fand während der Schulzeit statt, unsere Klassenlehrerin verbot uns hinzugehen und teilte mit, dass ein Fernbeleiben vom Unterricht, als Schwänzen ins Klassenbuch eingetragen würde. Das saß! Aus unserer Klasse trauten sich anschließend nur noch sieben Kinder. Wir fuhren mit der Bahn, der Vater meiner Freundin begleitete uns und ja, wir waren aufgeregt und ängstlich.

ICH DEMONSTRIERTE ALS KIND HÄUFIG UND GERN, NOTFALLS SCHWÄNZTE ICH DADÜR AUCH DIE SCHULE

Auf unsere Mützen, Rucksäcke und Schals nähten wir Pippi Langstrumpf Aufnäher, die eine ältere Freundin auf dem Schwarzmarkt besorgte. Wieso auf dem Schwarzmarkt? Waren sie gefälscht und deshalb billiger? Wir kämpften uns im Demonstrationszug immer weiter nach vorne, unsere selbst gemalten Bettlaken hielten wir dabei in die Luft. Endlich gelangten wir zur Sitzblockade vor dem Hamburger Rathausmarkt. Ich kannte so etwas bisher nur aus dem Fernsehen. Boah, waren wir stolz!

FASCHISMUS IST KEINE MEINUNG!

Aber nicht lange. Irgendwer warf Steine auf die umstehenden Polizisten. Diese standen in beeindruckender und beängstigender Mannstärke um den ganzen Rathausmarkt herum, mit Schutzschilden zur Abwehr. Dahinter standen Wasserwerfer bereit. Innerhalb kürzester Zeit, brach Panik unter den Demonstranten aus. Kinder, Jugendliche und Erwachsene rannten und schrien. Polizisten verfolgten. Wasserwerfer rückten speiend näher. Nichts ging mehr nach vorn oder zur Seite oder zurück, alle drängelten und schubsten, ich hatte Angst, richtig Angst.

ALS WASSERWERFER EINSETZTEN, HATTE ICH RICHTIG ANGST

Der uns begleitende Vater war offenbar demonstationserfahren. Er befahl uns Kindern, dass wir uns an seinem Schal, wie Perlen an einer Kette, festhalten sollten und unter keinen Umständen loslassen durften. Er wies uns an, gebückt, auf Bein Höhe, zu einem parkenden Auto zu laufen. Dort gab es auf der Rückseite tatsächlich so etwas wie einen Windschatten ohne Menschenmassen. Wir richteten uns wieder auf. Der Vater wusste, wo die nächste Bahnhaltestelle war und wir rannten hin. Puh, geschafft. Abends im Fernsehen sahen wir, dass die Polizei gegen junge Erwachsene mit Gummiknüppel vorgegangen war und dass die Wasserwerfer Demonstranten aus der Sitzblockade verletzten. Es war meine erste Demonstration und sie hielt mich nicht davon ab, wiederholt und häufig zu demonstrieren.

FREMD SITZEN!

Schon in der der Bahn ist es derbe voll. Vor Ort machen meine Kinder jetzt richtig mit. Mein Mittlerer arbeitet sich durch die Menschen bis ganz nach vorne zur Bühne. Mein Jüngster kann nicht sehen und beschwert sich lautstark. Ein unbekannter Mann bietet an, ihn auf die Schultern zu nehmen. Mein Lütter zögert keine Sekunde, schon sitzt er auf fremden Schultern. Die Stimmung unter den Demonstranten ist kameradschaftlich, friedvoll und ausgelassen. Meine Große hat keine Angst mehr. Die Kinder lauschen den Reden. Am meisten beeindruckt sie ein ehemaliger Football Spieler, dessen Vater Nazi war und der ganz offen darüber spricht. Er zitiert Martin Luther King: „Dunkelheit kann Dunkelheit nicht vertreiben, das kann nur Licht. Hass kann Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe.“

GEGEN DIE DUNKELHEIT HILFT NUR DAS LICHT

Wir sind viele, richtig viele. So viele, dass die Demo aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden muss. Schätzungsweise gehen 160.000 Menschen auf die Straße. Wir sind mehr! Das ist der bleibende Eindruck. Er macht uns stark. Er macht alle stark. Besonders unsere Kinder. Sie haben das Gefühl, etwas bewirkt zu haben. Sich gegen das Unrecht wehren zu können.

WIR SIND MEHR!

Mein Jüngster sagt: „Mama, wir waren demokratieren!“ Ich bin stolz auf meine Rabauken und bin mir sehr sicher, dass alle drei in ihrem Leben häufig demokratieren gehen….

WIR DEMOKRATIEREN!

#leipzigerbuchmesse mit Ramin und Tilda

Eine Reise in die Welt der Künste…

https://leipziger-buchmesse.de/de/

Es ist aufregend! Mega aufregend, es kribbelt in meinem Bauch vor Freude, ich liebe den Geruch frisch gedruckter Bücher, die Medien überschlagen sich mit Berichten über tolle, eloquente, erfolgreiche, interessante, neue Werke und Autor:innen…

Ramin und Tilda besuchen die Buchmesse vom 27. bis 30. April 2023 in der neuen Leipziger Messe!

www.novumverlag.com

Ramin und Tilda erscheinen im kalten, verregneten November, passend um mit ihnen gemütlich vorm Feuer in eine Decke gewickelt zu lesen und sich dabei an einem Heißgetränk festzuhalten. Aber jetzt ist Frühling und Ramin und Tilda wollen raus!

Es ist die erste reguläre Leipziger Buchmesse nach der Pandemie und ich freue mich wie verrückt über dieses Event!

www.junges-literaturinstitut.de

Als Kind träumte ich von Messen, mit all den farbigen Büchern, wenn ich die Nachrichten im Fernsehen sah. Ich spielte Buchladen und legte besonders gern die bunten Cover von Jan und Julia in mein „Schaufenster“.

Dass ich selbst mal ein Buch auf der Leipziger Messe ausstellen würde, schien mir als Kind so wahrscheinlich, wie den Mond zu betreten…

Bild: Lykka Kühne

Einen Monat vor der Messe denke ich: „So langsam könnte ich was vorbereiten.“ Doch der Verlag schläft wie Dornröschen und Ramin und Tilda sind auch nicht recht in Schwung.

Meine Tochter, die mich als kleine Illustratorin am Wochenende begleitet, ist gestresst und stöhnt: „Och Mama, ich habe auch so schon genug zu tun…“

www.buchkinder.de

Es ist voll! Mega voll, überquellend, ausufernd, erstickend, erdrückend, auseinanderberstend, deprimierend voll. Deprimierend? Wieso das denn? Ist doch cool, dass das Buch so gefeiert wird! Hmmm, aber Ramin und Tilda, mein Verlag und ich scheinen in dem Gedränge völlig unterzugehen…

Rund 270 000 Lesehungrige besuchen die Messe 2023!

Foto: Leipziger Messe GmbH/ Tom Schulze

Ich verliere mich in den unendlichen Dimensionen der Menge, fühle mich klein, winzig, unbedeutend, der Willkür ausgeliefert. Hilfe, es ist ein Gefühl, als ob ich zwischen den wabernden Massen, die sich durch die Gänge schieben, ertrinke!!! Es surrt und summt, strömt ein und aus, wie in einem Bienenstock, die Individuen lösen sich auf, bilden ein Ganzes…

Das Angebot an Lesungen, Signierstunden, Schreiblaboren, Buchdruck-Workshops, Fotokursen, Podcast-Schulungen oder Upcycling-Seminaren ist riesig, selbst für Kinder…

#verlagegegenrechts

Klingt nach der Euphorie eines Festivals? Absolut! Die Leute tragen schrille Kostüme ihrer Lieblingscomicfiguren, Neytiri aus dem Film Avatar ist immer wieder zu sehen, Masken aus Ghostrider, League-of-Legends, Ganzkörper Drachenkostüme oder Bodypaintings…

Es ist heiß! Mega heiß, wie in der Sauna, Kreislauf schwächend, es dürstet mich.

https://www.manga-comic-con.de/

An den Rändern der Messehallen wuchern die Lager der Erschöpften, quillen zu den Türen hinaus ins Freie vor die Messehallen, hingegossen und zerflossen strecken die geschlagenen Superhelden alle Viere von sich.

Unter den Perücken rinnt der Schweiß und spült die kunstvollen Makeups fort.

#buchbar

Zwei Pikachus liefern mittendrin eine aufmunternde Show, tanzen umeinander, rennen voreinander weg, aufeinander zu und fallen sich schließlich in die Arme. Die Schlangen vor Toiletten, Getränke- und Essenständen winden sich endlos zwischen den Lagern. Die Besucher sind überwiegend jung, Mitte zwanzig, die Älteren verlieren sich zwischen ihnen…

Die Geschichte der Leipziger Buchmesse hat eine lange Tradition und reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück.

#mangacomiccom

Es sind viele Freaks dabei! Ganz eindeutig Freaks, sie schleppen Unmengen an Schwertern, Flügeln, Hüten, Kostümen und Büchern in riesigen Beuteln, Taschen und Tüten. Besonders beliebt sind Überraschungsboxen, wie die von den Drei ???. 30 Euro, für einen enthaltenen Warenwert von 40 bis 50 Euro. Sie kaufen gleich fünf bis zehn auf einmal und packen sie noch an Ort und Stelle aus. Sie stehen dafür stundenlang an, ebenso für Bücher, um diese signieren zu lassen und Fotos mit den Autor:innen zu schießen.

Es sind die Begegnungen! Mega Begegnungen, wie mit einem jungen französischen Pärchen, das nach Deutschland trampte und das wir ein kleines Stück mitnehmen…

#vwbus

Die Begegnung mit einer 60-Jährigen, die ironisch distanziert über die DDR erzählt. Sie sagt: „Ich werde immer gefragt, wer zum Teufel bloß in diesen hässlichen Plattenbauhochhäusern wohnen wollte… Na, alle! Da gab es Strom und fließend Wasser! Das war für viele ein irrer Fortschritt. Studenten zahlten damals 10 Mark für eine Wohnung.“

Begegnungen mit Studen:tinnen die Workshops gestalten, wie Nuria Glasauer, die Journalismus studiert und für das Junge Literaturinstitut zum Thema „Spiegel“ eine Schreibwerkstatt gestaltete.

hallo@junges-literaturinstitut.de

Die Begegnung mit Student:innen, mit denen wir uns einen Tisch im Vapiano beim Pizza essen teilen, weil es so voll ist. Ich habe nie so oft in meinem Leben das Wort „heiß“ gehört. Der Kellner ist heiß, die Oberarme eines Schauspielers sind heiß, der Sänger einer Band ist heiß, obwohl er nicht singen kann, feministische Männer sind grundsätzlich heiß, obwohl Feministinnen niemals heiß sind…

Die Begegnung mit einem Verlag bei dem Kinder Bücher machen. Buchkinder Leipzig e. V. erhielt den Sächsischen Verlagspreis 2022 vollkommen zu Recht.

http://www.facebook.com/buchkinder

Der Buchkinder Verlag begleitet Jugendliche und Kinder auf ihrem Weg sich auszudrücken, eine Geschichte zu erfinden und schließlich ihr Buch in der vereinseigenen Buchmanufaktur zu drucken.

Kleine und große Illustratorin! Lykka Kühne mit Manuela Uebelhart aus Zürich.

manuela.uebelhart@gmail.com

Begegnungen mit Schriftstellern! Schriftsteller machen die Buchmesse zu einem Fest, wie Tania Rupel Tera. Mit 35 Jahren sprach die Malerin und Schriftstellerin kein Wort Deutsch. Heute stellt sie in Bildern, Gedichten und Büchern den Menschen und sein Inneres, seine verborgenen Gefühle, Ängste und Wunden in den Mittelpunkt – auf Deutsch!

Tanja Rupel Tera kommt aus Sofia, Bulgarien. Sie ging wegen der Liebe nach Deutschland.

https://www.facebook.com/TaniaRupelTera/

Es ist Leipzig! Die Stadt hat eine lange Tradition, etwa mit Johann Sebastian Bach und der Thomaskirche mit dem Thomanerchor, der Geist der friedlichen Revolution von 1989 ist fühlbar, es ist eine quirlige, junge Stadt mit knapp 40 000 Studenten und eine Kreative, mit vielen Künstlern, wie einst Goethe…

Leipzig ist mega, der Lonly Planet empfiehlt sie als Nummer eins der Städte Deutschlands, die man gesehen haben muss und auch die New York Times schrieb, dass man Leipzig nicht verpassen dürfe!

Bildidee: Lykka Kühne

Zu einem Goethe gewidmeten Denkmal, höre ich folgende Geschichte: Während seiner Studienzeit als junger Mann, befand Goethe sich in vornehmer Gesellschaft und bekam vom Sohn der Gastgeber eine Wette vorgeschlagen, dass wohl selbst er, als Dichterfürst Deutschlands, aus folgenden beiden Wörtern keinen Reim bilden könne: „Haustürklingel“ und „Mädchenbusen“. Goethe nahm die Wette an, zog sich einige Minuten zurück und dichtete:

„Die Haustürklingel an der Wand,
der Mädchenbusen in der Hand
sind beides Dinge wohl artverwandt.
Denn, wenn man beide leis‘ berührt,
man innen drinnen deutlich spürt,
dass unten draußen einer steht,
der sehnsuchtsvoll nach Einlass fleht…“
#JohannWolfgangvonGoethe

https://www.thomaskirche.org/

„Ramin und Tilda“ ist verfügbar in der Deutschen Nationalbibliothek:
https://d-nb.info/126067018X

Dank für die Unterstützung an die Praxis für Logopädie in Hamburg-Winterhude!
http://www.logopaedie-jarrestrasse.de/kontakt.html

Kinderbuch

Ramin und Tilda

Tilda ist zehn Jahre alt, stumm und hat keine Freunde. Ein Schweigegeist ist ihr ständiger Begleiter. Er lebt von ihrer Angst. Der zehnjährige Ramin entdeckt Tilda auf dem Schulhof. Er hat auch keine Freunde. Seit seine Eltern flüchteten, müssen sie ständig umziehen, um sich sicher fühlen zu können. Doch Ramin ist kein bisschen schüchtern! Er geht auf Tilda zu, hält ihr die Hand hin und bietet ihr die Freundschaft an. Tilda kann immerhin nicken. So gehen sie gemeinsam nach der Schule zu Ramin. Dort werden die Kinder überrascht und ihre Freundschaft auf die Probe gestellt…

Lykka Kühne zeigt in ihren Illustrationen, wie sie sich fühlte, als sie ihren eigenen Schweigegeist als 4-Jährige erfolgreich vertrieb.

Buchbesprechung in „Mutismus.de“ am 13. Oktober 2023
https://www.mutismus.de/das-magazin

Pressekontakt:

TRAILER: Ramin und Tilda (2022) gesprochen von Anke Kühne

https://youtu.be/wXJ011gdUFI

Meine Tochter bastelte mir zum Geburtstag ein Heft und fragte:

„Mama, schreibst du auch mal ein Kinderbuch?“


„Ramin fragt: Freunde für immer? Tilda nickt. Sie schaut Ramin in die Augen. Dann sagt sie laut: Freunde auf ewig!Ramin und Tilda (2022), S. 60.

HÖRPROBE: Ramin und Tilda (2022), S. 18ff.

gesprochen von Anke Kühne

in: Mutismus.de, 13.10.2023 von Sandra Aichlseder
https://www.mutismus.de/das-magazin

Anke Kühne absolvierte ihren Master in Geographie, Politik- und Medienwissenschaften. Schreiben lernte sie an der Deutschen Fachjournalisten-Schule. Sie arbeitete für GEOkompakt, die Kieler Nachrichten und das Umweltbundesamt. Sie hat eine Tochter und zwei Söhne.

Heute schreibt Anke Kühne als freie Autorin, veröffentlicht Bücher wie „Glaube, Liebe, Hoffnung“ und arbeitet an Erzählungen sowie Romanen.

Warum das Buch vier Mal zu Weihnachten verschenkt?

O-Ton Annette S., Mutter von 3 Kindern

in: Evangelische Zeitung, 19.3.2023 von Dr. Julia Nolte
https://www.evangelische-zeitung.de/

Mein kleiner Weihnachtsengel: https://youtu.be/Lg7rptcUIKs?feature=shared

Ausstrahlung des Weihnachtskonzerts mit meiner Tochter Lykka Kühne im Hamburger Mädchenchor @maedchenchorhamburg7662 am 22. Dezember 2024 im Hamburger Fernsehen @tide als Spendenaktion für den @lionsclub.

LESUNGEN

https://youtu.be/GvEL3YIx4rQ

Ich lese an Hamburger Schulen sowie in anderen Städten Deutschlands. Anfragen unter contact@ankekuehne.com

Deutsch-Begabtenkurs Grundschule Ohkamp, Hamburg
Foto: T. Fischer

Josef-Hebting-Schule/ Baden-Württemberg/ https://www.josef-hebting-schule-voehrenbach.de/

Wie hat dir das Buch gefallen?

Matilda K., 10 Jahre, Schülerin des Albert-Schweitzer-Gymnasiums

Interview mit Johanna Veit, Kantorin St. Kukas & St. Marien
auf: noa4, am 13.10.2023
https://www.noa4.de/

BESTELELUNGEN: Das Buch ist über Amazon erhältlich:
https://www.amazon.de/Ramin-Tilda-Anke-K%C3%BChne/

DER FEIND IN DEINEM KOPF

Ramin sagt in meinem Buch: „Aber was bedeutet denn Liebe? (…) Wenn er so an Gott denkt und ihn mit aller Kraft liebt, spürt er nur noch ihn. Er empfindet dabei Frieden, Alhamdulillah. Im Frieden gibt es nichts Störendes. Keine Sorgen. Keine Vorwürfe. Keinen Streit und keine Angst. Frieden ist für Ramin Liebe.
Ramin und Tilda (2022), S. 52.

Hast du dich auch gerade empört, dass ich ein Foto dieser Moschee poste? So ging es den Spaziergänger:innen an einem wunderschönen, sonnigen Tag an der Außenalster. Sie sagten: „Ey, du weißt bestimmt nicht dass die Moschee das iranische Regime unterstützt und deshalb überwacht wird?“ „Doch weiß ich!“, entgegnete ich gefühlte 50 Mal.

Spätestens an dieser Stelle unterbrachen mich alle kopfschüttelnd. Mit einem ausgerufenem: „Man, du unterstützt doch die Falschen!“ oder einem mitleidigen: „Naja, ist ja dein Problem…“, liefen sie eilig weiter, ohne mir zuzuhören. Es interessierte sie gar nicht ernsthaft, warum sich jemand vor der Moschee fotografieren lässt. Die Leute haben Bilder im Kopf. Fotos, die polarisieren. Aufnahmen, die zertrennen und verletzen. Und dabei trifft es oft die Falschen: Kinder, Verfolgte, Andersseiende.


Also, warum es mir geht: Schaut genau hin! Hört geduldig zu! Stellt schwierige Fragen! Wundert euch so richtig! Seid gerne unbequem! Gebt anderen immer wieder eine Chance sich zu erklären!

DANK: an Saskia Lorenz fürs Korrekturlesen; an Sandra Aichlseder für die fachliche Beratung zum Schweigegeist; an Yasmin Nazari-Shafti für die arabischen und persischen Sprachkenntnisse sowie die muslimischen Redewendungen.

@Kristoff Kühne: Danke für Deinen unverwüstlichen Optimismus!

Das Buch ist für Kinder ab acht Jahren empfohlen.

ENSTEHUNGSGESCHICHTE: Auf einer Fahrt durch Schweden hatte ich die Geschichte plötzlich im Kopf: Auf der Rückbank im Auto sitzend, schrieb ich erst mein Notizbuch voll, dann auf Knäckebrotpapier weiter…

… und schließlich auf einer Tüte, die wir während einer Pause in Waynes Coffeeshop erhielten!

@Café Luise: Danke für die Unterstützung!
https://www.cafe-luise-baeckerei.de/

Kinderbuch

Ramin und Tilda

Illustrationen: Lykka Kühne

Tilda ist zehn Jahre alt, stumm und ausgegrenzt, weil ein Schweigegeist auf ihrer Schulter sitzt. Sie ist extrem schüchtern und leidet an Mutismus. Die Kommunikationsstörung wird oft nicht richtig erkannt.

Von Mutismus sind größtenteils Kinder betroffen, rund
10.000 deutschlandweit, darunter häufiger Mädchen.

„Ramin fragt: Freunde für immer? Tilda nickt. Sie schaut Ramin in die Augen. Dann sagt sie laut: Freunde auf ewig!Ramin und Tilda (2022), S. 60.

Illustration: Lykka Kühne

HÖRPROBE: Ramin und Tilda (2022), S. 18ff

gesprochen von Anke Kühne

Der dicke Schweigegeist auf Tildas Schulter, trägt einen blauen Turban und einen Lendenschurz. Sonst ist er nackt…
Tildas Vater übernimmt den Typus eines, unter therapeutischen Gesichtspunkten, idealen Elternteils: Er ist offen, der Therapeutin zugewandt und lernwillig.Die Logopädin ist auf die Behandlung mutistischer Kinder spezialisiert. Tilda durchläuft den idealtypischen Verlauf einer Heilung.

Der Schweigegeist futtert Tildas Angst. Sie schmeckt für ihn wie Zuckerwatte. Je größer Tildas Angst, desto dicker wird der Schweigegeist

Tildas Genesung wird im Zusammenspiel zwischen Eltern und Therapeutin möglich, vor allem aber durch den ersten Freund in Tildas Leben: Ramin!

Tilda schafft es, Ramins Familie von einem weiteren Umzug abzuhalten. Und die Freundschaft der Kinder vertreibt den Schweigegeist

Ramin ist ein zehnjähriger Junge, der mit seiner Familie flüchtete.

Sie waren an der Nordsee. So etwas kannte Ramin gar nicht. […] Er fühlte die Freiheit. Sie schien ihn richtig zu packen! […] Er atmete tief die salzige Luft ein. Er hörte das Donnern der Wellen. Er lauschte dem Kreischen der Möwen. Er spürte, wie der Wind stürmisch sein Gesicht streichelte und ihm die Haare zerzauste. Er schloss die Augen, breitete die Arme aus und lächelte.
Ramin und Tilda (2022), S. 38

Ramins Eltern verloren in ihrer Heimat alles, bangten um ihr Leben und sind traumatisiert. Obwohl seine Familie in Deutschland in Sicherheit lebt, leidet sie unter posttraumatischen Belastungsstörungen.

Gemeinsam verscheuchen Tilda und die Logopädin Susanne den Schweigegeist. Tildas Freund Ramin hilft dabei. Und Papa, mit seinem unerschütterlichen Optimismus

Ramins Familie begegnet Menschen, die ihnen gegenüber nicht tolerant sind. Ramin und seine Geschwister fanden noch keine Freunde in Deutschland. Die Eltern leben isoliert und haben sich damit abgefunden.

Ramin trifft Tilda auf dem Schulhof. Er erkennt sofort, dass das Mädchen sehr schüchtern und einsam ist. Vorsichtig nähert er sich ihr…

Ramin ist unerschrocken und lässt sich weder von Tildas Sprachlosigkeit, noch ihrer abweisenden Körperhaltung beeindrucken. Er redet offen über Tabus. Langsam öffnet sich Tilda. Der Junge bleibt am Ball. Als sie gemeinsam nach der Schule zu Ramin gehen, treffen sie dort auf ein großes Durcheinander.

Manchmal glaubt Tilda, der Schweigegeist erdrücke sie. Zum Glück gibt es Susanne! Sie liebt es Schweigegeister zu vertreiben…

Illustration: Lykka Kühne

Bei Ramin Zuhause, sind die Hühner der Familie tot und überall ist Blut. Die Mutter ist retraumatisiert, der Vater psychisch labil, die Geschwister leiden unter dem Druck der Verantwortung, den sie ihren Eltern gegenüber verspüren.

Lykka Kühne vertrieb als Vierjährige selbst erfolgreich einen Schweigegeist! In ihren Bildern drückt sie aus, wie sie sich dabei fühlte.

Bild: Lykka Kühne

Tilda nimmt all ihren Mut zusammen: Es gelingt ihr, in Gegenwart Fremder zu sprechen. Die Familie spürt dank des Mädchens zum ersten Mal in Deutschland Frieden.

Ramin fragt: „Freunde für immer?“ Tilda nickt. Sie schaut Ramin in die Augen. Dann sagt sie laut: „Freunde auf ewig!“
Ramin und Tilda (2022), S. 60.

LESUNGEN
Ich lese an Hamburger Schulen sowie in anderen Städten Deutschlands.

Anfragen unter contact@ankekuehne.com

Ein paar Tage, nachdem sich Ramin und Tilda das erste Mal begegneten, wartet Ramin morgens vorm Schultor auf Tilda. Er hält etwas in beiden Händen und umschließt es fest. Er lächelt, als er daran denkt, wie er auf die Idee kam, sich so mit Tilda zu verabreden…
Ramin und Tilda (2022), S. 36.

I hold a master’s degree in geography, political science & media studies. I learned to write at the DFJS. I worked for GEO, the KN & the UBA. Today I write as a freelance author & publish books such as „Ramin & Tilda“.

Meine Tochter schenkte mir zum Geburtstag ein selbstgebasteltes Heft.

Sie fragte: „Mama, schreibst du auch mal ein Buch für Kinder?“

Ich schenkte meiner Tochter ein Kinderbuch zum 8. Geburtstag…

…daraus entstand später:
„Ramin und Tilda„!