Ein Wanderabenteuer bei den Sami in Lappland
WANDERN VON HÜTTE ZU HÜTTE
Endlich in Lappland angekommen! Dabei geht’s jetzt erst richtig los. Denn wir wandern von Hütte zu Hütte … Das erste Mal laufen wir mit voll gepacktem Wanderrucksack nur 2,7 Kilometer zu unserem Übernachtungsquartier – und brauchen eine ganze Stunde. Sofort trennt sich die Spreu vom Wanderer. Mein Jüngster geht federnden Schrittes, scheinbar mühelos und ohne das Gewicht des Rucksackes zu beklagen (nur zur kleinen Gedächtnisstütze: er ist derjenige, der beim Test zu Hause zusammenbrach und wie ein Krabbelkäfer auf dem Rücken lag). Jetzt wandert er immer 200 Meter vor und wartet dann gefühlte zehn Minuten auf uns.

TAG 13: Polarlicht-Observatorium
(9 km, 500 Höhenmeter, 5 Std., zu Fuß)
STIMMUNG: abenteuerlustig
WETTER: 25 Grad, Sonne
DAS BESTE: Ankommen
DIE HÖHENMETER ENTSCHEIDEN
Meine Tochter, unsere Hündin und ich laufen im Mittelfeld. Ich gehe nie besonders schnell, dafür sehr ausdauernd und ohne Pausen. Meine Große läuft eigentlich flott, hat aber überraschend Probleme mit dem Gewicht ihres Rucksackes. Auch unsere Hündin Frekka muss ihr Gepäck selbst tragen: Wasser, Fressen, Schietbeutel, Napf, Pfotenbalsam, Regenmantel und Handtuch. Wir haben ihr dafür ein Geschirr mit Packtaschen besorgt, sie scheint sogar stolz darauf zu sein. Tatsächlich ist es weniger das Gewicht, das uns entlastet, als das Volumen. Frekka liebt es zu wandern, ich habe sie mit einer Schleppleine an meinem Beckengurt befestigt, da in den Nationalparks überall Leinenpflicht gilt.
Den krönenden Abschluss bildet mein Mann, mit unserem mittleren Sohn. Keine zwei Minuten nach Start schmeißt unser Lütter mit wutrotem Gesicht seinen Wanderrucksack von sich und pöbelt: „Papa, der Beckengurt ist nicht richtig eingestellt. So kann ich überhaupt nicht laufen!“ Geduldig zieht mein Mann noch mal alle Riemen nach, dann setzen sie ihre Wanderung mit großem Abstand fort.
TAG 14: Polarlicht-Observatorium
(9 km, 500 Höhenmeter, 4 Std., zu Fuß)
STIMMUNG: erschöpft
WETTER: 18 Grad, Regen
DAS BESTE: Feuertaufe bestanden!

GEDULD NUR GEDULD
Keine weiteren drei Minuten später, hält unser Sohn schon wieder an, setzt sich auf einen Stein, stöhnt und prustet: „Papa, mir ist heiß, ich brauche sofort eine Trinkpause!“ Nicht mehr ganz so geduldig, reicht mein Mann ihm die Trinkflasche, nimmt ihm den Wanderrucksack ab und zieht ihm seine Jacke aus. Nur im T-Shirt, die Trinkflasche beim Gehen in der Hand, läuft unser Kleiner weiter. Das funktioniert ganz prima und ich freue mich, dass es jetzt klappt.

TAG 15: Tromsö – Turlag
(360 km, 6 Std., mit dem Auto)
STIMMUNG: müde
WETTER: 11 Grad & Regen
DAS BESTE: traumhaft schöne Wanderhütte in einem alten Bootshaus, direkt am Meer gelegen
SAUNA & MEER
Fünf Minuten später höre ich meinen Sohn plötzlich laut Heulen: „Die Mücken! Die bösen, bösen Mücken haben mich gestochen. Nicht nur einmal, Papa guck, ich bin total zerstochen (es sind zwei Stiche). So kann ich nicht laufen. Ich drehe um. Ich habe überhaupt keinen Bock mehr. So ein blöder Mist.“ Nun höre ich meinen Mann völlig ohne Geduld und deutlich lauter als normal sagen: „Nein, wir können nicht umdrehen. Wir übernachten heute in der Wanderhütte und haben keine andere Unterkunft. Außerdem sind wir überhaupt noch nicht losgelaufen. Wie wäre es, wenn du deine Energie statt ins Rumjammern mal in deine Beine steckst? Ich gebe dir jetzt das Antimückenspray und dann läufst du eine halbe Stunde am Stück, ohne dass du einen Ton von dir gibst. Danach gibt es meinetwegen zur Belohnung auch etwas zu Essen.“
Von vorne kommt mir mein Jüngster strahlend im Hopserlauf entgegen (Es ist mir ein Rätsel, wie er mit dem Rucksack hüpfen kann): „Mama, ich habe schon unsere Hütte gesehen, es ist gar nicht mehr weit!“ Mein Mann brummt von hinten: „Das war es nie!“
TAG 16: Guvaghytta – Orntuva
(4 km, 1 Std., zu Fuß)
STIMMUNG: entspannt
WETTER: 11-17 Grad, Regen & Sonne
DAS BESTE: Sauna & dann ins Meer springen

LAVVU
In Alta treffe ich die Sami Inga Laila und spreche mit ihr in einer Siida (traditionelle soziale und wirtschaftliche Organisationseinheit der Sami, die aus mehreren Familien besteht.) Sie zeigt mir ihr Kunsthandwerk und sagt: „Meine Mutter kümmert sich eigentlich darum. Ich bin hauptsächlich mit der Organisation beschäftigt, wir haben ein Restaurant, bieten Schlittenfahrten an, Rentierfütterungen und Seminare. Außerdem habe ich drei Kinder, meine Tochter ist zehn Jahre alt, mein Sohn sieben und mein Baby anderthalb, ein Mädchen. Wir haben ein Haus auf der anderen Seite des Flusses, leben also nicht mehr in einem traditionellen Lavvu (Samizelt).“

TAG 17: Guvaghytta – Guvaghafen
(6 km, 2 Std., mit dem Kanu)
STIMMUNG: Ferienlaune
WETTER: 14 Grad, bewölkt
DAS BESTE: grillen am Lagerfeuer
JÄHRLICH EIN JAHUNDERTSOMMER
Ich bemerke, dass ich es unerwartet heiß finde (wir haben heute 25 Grad), ob das öfter mal vorkomme. Inga Laila antwortet: „Das ist jetzt das zweite Jahr in Folge, dass es so schrecklich heiß ist. Ich denke, dass es mit dem Klimawandel zusammenhängt. Zwei Jahundertsommer in Folge sind nicht natürlich.“
Inga Lailas Kinder toben um uns herum und ich frage sie, ob sie Ferien haben und ob die Hauptsaison im Sommer oder im Winter sei. Sie lacht: „Ja, sie haben Schulferien, aber ich kann nicht mit ihnen in den Urlaub fahren, weil so viel zu tun ist. Im Sommer ist sehr viel los, deshalb muss ich auch arbeiten. Ihre Tante ist heute mit ihnen hierher gekommen. Aber es ist so warm, da muss man auch nicht in den Urlaub fahren. Im Winter gibt es zunehmend mehr Touristen. Wir hoffen, dass das diesen Winter auch wieder so sein wird.“
TAG 18: Guvahytta – Slottoya
(4 km, 1 Std., mit dem Kanu)
STIMMUNG: entspannt
WETTER: 11 Grad, stürmisch
DAS BESTE: Kanu fahren

ZWEI MONATE OHNE SONNE
Ich frage sie, ob die Kälte und die Dunkelheit im Winter nicht hart seien. Sie antwortet: „Die Kälte ist nicht hart, wir sind es gewohnt damit zu leben, aber die Dunkelheit schon. Die Sonne scheint Ende November das letzte Mal und dann verschwindet sie ganz bis Ende Januar. Das sind zwei Monate ohne Sonne … Am Nordkap dauert es noch länger, waren sie dort? Hat es Ihnen gefallen? Ich bin noch nie da gewesen …“
Ich erzähle ihr, dass wir am nördlichsten Punkt Europas waren und ich es spannend fand! Aber dass es mir zu karg sei, weil es kaum Pflanzen und Bäume gäbe. Ich mag es lieber, wenn – so wie hier in Alta – Bäumen, Wiesen und Blumen wachsen. Außerdem sei es mir zu kalt gewesen und wir konnten nicht baden. Vorher waren wir in den knapp zwei Wochen jeden Tag schwimmen. Verwunderlich fand ich, dass so viele Deutsche am Nordkap waren.

TAG 19: Fiskebu – Toralfsbu
(9 km, 500 Höhemmeter, 4 Std. & 20 Min.)
STIMMUNG: abgequält
WETTER: 12 Grad, Sonne & Wolken
DAS BESTE: Ankommen
JOKKMOK
Inga Laila lacht: „Ja, es fahren wirklich sehr viele Deutsche dorthin. Aber das Wasser ist hier genauso kalt. Wo seid ihr vorher gewesen?“
Ich berichte, dass wir durch Schweden, Finnland und Jokkmok gefahren sind. Dass dort im Winter der größte Kunsthandwerkermarkt der Sami weltweit stattfindet und frage sie, ob sie schon mal dort gewesen ist. Sie antwortet: „Nein, ich bin noch nie dort gewesen. Unser Kunsthandwerk ist aus Rentierfell. Wir nähen daraus Taschen. Auch die Kinder helfen. Meine große Tochter liebt das. Aber wir machen das eigentlich im Winter.“
TAG 20: Toralfsbu – Haakonsbu
(6 km, 250 Höhenmeter, 3,5 Std., zu Fuß)
STIMMUNG: grandios
WETTER: 9 Grad, bewölkt
DAS BESTE: in den Schneefeldern toben

RENTIERSOMMERWISEN
Ich frage, welche Sprachen ihre Kinder sprechen. Inga Laila sagt: „Sie wachsen dreisprachig auf: Samisch, Norwegisch und Englisch. Ich finde, je mehr Sprachen Kinder sprechen, desto einfacher wird es (lacht). Aber das war nicht immer so, früher war es verboten, die samische Sprache zu sprechen, ein düsteres Kapitel.“
Ich frage sie, wann die schönste Jahreszeit sei. Inga Laila antwortet: „Wenn wir die Rentiere im Frühling in die Berge bringen. Aber wir wandern nicht mehr mit ihnen dorthin, wir bringen sie mit dem Quad, sonst wären wir zu langsam. Dann leben die Rentiere den Sommer über allein in den Bergen. Sie sind weit verstreut, wir können gar nicht zu ihnen gelangen. Mein Bruder ist gerade dort.“ Sie schaut wehmütig in Richtung der schneebedeckten Berge …

TAG 21: Haakonsbu – Fiskebu
(8 km, 500 Höhenmeter, 5 Std., zu Fuß)
STIMMUNG: gelöst
WETTER: 14 Grad, sonnig
DAS BESTE: wir haben’s geschafft!
POLARLICHT-OBSERVATORIUM
Als wir unsere Wanderhütte erreichen sind wir euphorisch! Die Kinder rennen über Sommerwiesen, ernten Moltebeeren, am Horizont türmen sich Berge, wir baden im Fluss, die riesige Hütte mit Ofen und Panoramablick gehört uns ganz allein. Sie ist top ausgerüstet mit Spielen, Feuerholz, Geschirr und Hundebox. In den Wanderhütten sind Hunde verboten, aber es gibt immer sehr geräumige Metallkäfige, mit Hundebetten, in denen sich Frekka wohl fühlt. Sie macht das toll. Wir kochen lecker, spielen lange, waschen Haare, schlafen tief. Am Morgen freuen wir uns schon auf unsere nächste Wanderung. Es geht steil bergauf, 500 Höhenmeter zum ersten permanenten Polarlicht-Observatorium der Welt. Es wurde 1899 auf dem Berg Haldde bei Alta errichtet. Obwohl es nur neun Kilometer sind, dauert die Wanderung fünf Stunden. Die Aussicht belohnt: Panoramablick vom Gipfel. Wieder eine tolle Wanderunterkunft und keiner da. Bergab am nächsten Tag geht es aber leider kaum schneller.
TAG 22: Henningsvær
(2, 2 km, 1 Std., 170 Höhenmeter, zu Fuß)
STIMMUNG: gemütlich
WETTER: 11 Grad & Regen
DAS BESTE: Waffeln essen

DER BERG IST DAS ZIEL
Wir steigern uns und wandern nun drei Tage am Stück. Ich starte guter Dinge. Es geht leicht bergauf, durch grünen Wald, mit Sommerblumen, an einem plätschernden Bach entlang, genau mein Geläuf. Das Wetter spielt mit sonnigen 16 Grad und leichtem Wind mit. Leider endet meine Euphorie bereits nach anderthalb Stunden, weil es plötzlich brutal bergauf geht. Okay, Zähne zusammenbeißen und weiter, es dauert ja nicht lange. Nachdem ich das Gefühl habe, die Hälfte sei geschafft, geht es plötzlich noch steiler eine Geröllwüste bergauf. Jetzt ist meine gute Laune dahin. Ich habe zwei Kilo Äpfel mitgeschleppt, die ich zwar beim ersten Stopp verfüttert habe, aber dadurch hängt mein Rucksack schief und zerrt an meiner Schulter. Anhalten kann ich nicht, meine Hündin scheint orientierungslos vor lauter Gestein und erkennt keinen Weg.

ZAUBERHAFTE MÄRCHENHÜTTEN
Ich stapfe weiter den Berg hoch, eeeeeendlich sind wir oben, geschafft! Aber wo ist die Hütte? „Tut mir leid, aber das war erst die Hälfte der Wanderung“, verkündet mein Mann gut gelaunt. Wut kocht in mir hoch, er hat die Tour geplant, wir sind alle mit schweren Wanderrücksäcken bepackt und dies ist definitiv keine Tour für Anfänger! Um uns herum befinden sich Schneefelder, wir laufen jetzt hochalpin, der Wind ist fies, die Temperatur auf sieben Grad gesunken. Wir wandern eine weitere Stunde, keine Hütte in Sicht. Wir gehen noch eine Stunde, immer noch keine Hütte. Dies ist eine Tour für Freaks! Und überhaupt, was für eine verkümmerte Seele muss man haben, damit man Gefallen an dieser Steinwüste findet? Ich bin jetzt richtig in Rage, wir sind so gut wie geschieden – da endlich die Hütte! Am fernen Horizont, in Mitten einer Rentierherde gelegen. Und was für eine Hütte: ganz neu, mit Panoramafenstern bis zum Boden, Sesseln, Sauna, hoch oben über einem See thronend. Wow, das hat mein Mann aber toll hinbekommen! Alles andere ist sofort vergessen …
TAG 24: Svolvaer
(4 km, 1 Std., zu Fuß)
STIMMUNG: enttäuscht
WETTER: 7 Grad , Sturm & Regen
DAS BESTE: „Magic Ice“

TÄGLICH GRÜßT DAS WANDERTIER
Der innere Dialog zwischen meinem Kopf und meinem Körper läuft jetzt täglich so ab:
Kopf: „Aufstehen, wir gehen laufen!“ Körper: Keine Antwort, stellt sich tot. Kopf: „Ich lasse nicht zu, dass du jetzt schon mit dem Sterben beginnst, also steh auf, Wandern tut dir gut!“ Körper: „Nö, ich streike.“ Irgendwann setzt sich der Kopf dann doch immer durch.
Beim Gehen:
Kopf: „Boah, ich kann nicht mehr.“ Körper: „Mir egal, ich bin im Flow.“ Kopf: „Aber wir machen seit Stunden immer das Gleiche, ich kann wirklich nicht mehr.“ Körper: „Tja, das hättest du dir früher überlegen müssen. Lass mich einfach die Arbeit machen.“ Kopf (zehn gefühlte Zusammenbrüche später): „Jetzt reicht es doch aber wirklich? Du kommst mir vor, wie so ein lustiges Duracellhäschen. Körper (würdevoll): „Ich laufe, also bin ich.“ Kopf: „Ich springe jetzt zur Abwechslung in den kühlen Bergsee. Ahhhh, herrlich! Ich mache endlich mal was anderes.“
Ich (abends glücklich und erschöpft in meinem Bett): „Träumt was Schönes Kopf und Körper!“
Bis morgen früh …
Weitere Einsichten in die Lebensweise der Sami erscheinen in meinem Sachbuch „Last nomads“ sowie in meinem Jugendroman „Melody“ 2026.








































































































































